Pater Joseph

Vor allem die Vereinigung Aide à toute détresse (Hilfe für jede Not), die Pater Joseph mit den Familien des Lagers der Obdachlosen von Noisy-le-Grand, unweit von Paris, ins Leben rief - und die dann zur Internationalen Bewegung ATD Vierte Welt wurde -, sowie das Forschungs- und Ausbildungsinstitut für die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen haben diesen außergewöhnlichen Priester bekannt gemacht. Schließlich wird er von den Großen dieser Welt hochgeschätzt, was er nie seinetwegen gesucht hat; vor allem aber gewinnt er die Liebe von Millionen ärmster Menschen, deren guter Hirt und Diener er sein ganzes Leben lang war. Und doch hatte ihn, Joseph Wresinski, wie er eigentlich hieß, nichts zu diesen Ehren vorherbestimmt. Er war der Sohn eines polnischen Vaters und einer spanischen Mutter, die anfangs August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, in Frankreich als Emigranten interniert wurden. Und seit seiner Geburt am 12. Februar 1917 kennt er schlimmstes Elend, aus dem er nur mit großer Mühe herauskommt und das er dann später freiwillig auf sich nehmen wird.

Am 23. September 1956 habe ich mit Abbé Pierre das genannte Lager von 56 "Iglus" aus Pressspan (Fibrozement) besucht, das die Compagnons der Lumpensammlergemeinschaft von Pontault auf einem brachliegenden Grundstück, auf welchem noch einige Ruinen des Château de France bestehen, als Provisorium gebaut hatten. Man musste rasch handeln, und so entstand das Dorf des Elends, ein regelrechter Slum, worin mehr als 1500 Menschen hausten, die zu ungefähr 250 Familien gehörten, unter ihnen Randgruppen, Alkoholiker und Müssiggänger, aber auch ehrenwerte Menschen, die meisten von der Vergangenheit gezeichnet, durch Unglück und Not, Krankheit oder Gebrechen erschöpft und zu Boden geworfen. Das war eine Notlösung, damit man sie nicht auf die Straße zurückschicken, in Elendshütten, abbruchreifen Hotels, oder sogar in Zelten unterbringen musste, welche die Kameraden der Emmaus-Gemeinschaft am Pariser Stadtrand aufgestellt hatten.


Pater Joseph in 1959
© CIJW-ATD Quart-Monde *

Mit diesem Zusammengepferchtsein konnte sich Pater Joseph nicht abfinden, der hier auf die gleiche tragische Situation stieß, die er selbst in seiner Kindheit gekannt hatte: eine Unterkunft ohne Sonne, häufig ohne Feuerstelle und voller Durchzug; sein Vater selten zuhause, sondern auf Arbeitsuche, und seine Mutter in fremden Haushalten tätig, um die vier aus ihrer Ehe hervorgegangenen Kinder durchzubringen. Seine Erinnerungen als armes Kind steigen beständig in ihm auf, denn schon als vierjähriger Knirps musste er seinen Lebensunterhalt verdienen: als Messdiener, wofür er einige Geldmünzen erhielt, dann indem er zickzackförmig zusammengelegtes Zigarettenpapier in Kartonetuis presste. Er unternimmt alles, um dem Lager von Noisy etwas mehr Würde zu geben: Er lässt Wasserleitungen, eine Kantine, eine Kapelle, einen Spielplatz, einen Kinderhort, ein Wohnheim für Frauen und eines für Männer bauen, all das mit Hilfe junger Freiwilliger, die wir ihm auch von der Schweiz aus senden. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft HLM Emmaus (billige Wohnungsmiete) bringt er die Familien in einer Pilotsiedlung oder auf dem Land, in alten Häusern oder sogar in Wohnwagen unter. Er hat keine Ruhe, bis das Iglu-Lager verschwunden ist, was 1971 der Fall war.

In Bern, wo er auf meine Einladung hin im Mai 1960 einen Vortrag hielt, sagte uns Pater Joseph, dass Almosen und guter Wille nicht ausreichen, dass man den Problemen vielmehr auf den Grund gehen muss, indem man die Ausbildung bereits im Kindesalter fördert und die Grundbedürfnisse befriedigt. Man müsse darauf achten, dass diese Männer und Frauen ihre Würde zurückerlangen.

Pater Joseph ist am 14. Februar 1988 gestorben. Was hat ihn angetrieben, sich nicht nur in Noisy-le-Grand, sondern nachher auch bei Regierungen, internationalen Organisationen und selbst bei der UNO für die Mittellosen einzusetzen?

Erstens hatte er selbst Randdasein und Armut bitter erlebt. Er wollte andern ersparen, was er selbst während Jahren erduldet hatte. Eine weitere Motivation ergab sich aus der Tatsache, dass er bei der christlichen Arbeiterjugend mitgemacht hatte, einer Organisation, die den Arbeitern ihre Würde bewusst zu machen sucht. Deswegen wollte er die Lehre des berühmtesten Arbeiters, Jesus von Nazareth, des Gottessohnes, der in einer Krippe geboren war, in die Tat umsetzen. Ich selbst wurde in meiner Jugend durch diese Bewegung stark geprägt und kann somit den Einfluss ermessen, den sie auf Pater Joseph ausüben konnte, sodass er dann Priester wird und sich in den Dienst der Ärmsten seiner Pfarrei stellt. 1982 begleitet er eine Delegation von sechzig Jugendlichen der vierten Welt aller Kontinente zu Papst Johannes Paul II. in Rom. Alvine de Vos van Steenwijk, eine Holländerin, die ihre diplomatische Karriere aufgab, um zu Pater Joseph zu stoßen, schreibt über ihn in ihrem Buch: "Er wollte so die Ärmsten an die Kirche zurückgeben, um diese zu stärken, aber auch um die ganze Menschheit in ihrer Gewissheit zu bestärken, dass jeder Mensch vom Geist beseelt und fähig ist, sich für das Wohl der Welt einzusetzen".


Pater Joseph mit Kindern
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Pater Joseph war einer der Menschen unserer Zeit, der die Probleme der vierten Welt am besten zu enthüllen und zu bekämpfen wusste, nämlich die der Unglücklichen, die in unserer Wohlstandsgesellschaft leben, aber von uns oft übersehen und im Stich gelassen werden, in unserem Land, in Europa und selbst in Amerika. Wenn hohe Persönlichkeiten von damals, die verschiedenen Präsidenten der Französischen Republik und die Generalsekretäre der Vereinten Nationen oder der internationalen Arbeitsorganisation ihn zu Rate ziehen wollten, muss er nachhaltige menschliche Lösungen zur Verteidigung der Schwächsten zur Hand gehabt haben. Welche?

Eine geht die Wohlhabenden an und basiert auf der Lehre Jesu. Sie ist so gedacht: "Wenn wir uns nicht von unserem Überlegenheitswahn befreien, können die Armen für ihre Befreiung nicht auf uns zählen". Deswegen hat dieser Verteidiger der vierten Welt immer wieder verlangt, dass wir unsere Ideen mit der Realität der Mittellosen und mit den wesentlichen Fragen konfrontieren, die sie stellen: "Wie sollen wir es schaffen, dass die Familie respektiert wird und die Kinder zur Schule gehen können?... Wie werden sie die Schule abschließen und einen Beruf erlernen?... Wie wird mein Gatte eine Stelle erhalten; wie werden wir zu einer Wohnung kommen?" Dies ist eine Lösung, die nichts von bloßen Almosen wissen will, sondern viel mehr verlangt: den Umgang mit den Ärmsten, um ihren Bedürfnissen zu entsprechen und unsern Besitz mit ihnen zu teilen, wie das Evangelium es verlangt. In der Bibel ist Zachäus, ein reicher Steuereinzieher, ein Beispiel dafür, denn er gab Hab und Gut hin und das seinen Brüdern abgepresste Geld vierfach zurück. "So stellte er die Ordnung der Ausbeutung und des Wirtschaftsbetrugs, welche die Ärmsten ausschließt, auf den Kopf."


Pater Joseph am Telefon
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Aber die wichtigste von Pater Joseph vertretene Lösung wendet sich nicht nur, wie zu erwarten gewesen wäre, an die Reichen, sondern auch an die Armen, die er der Bergpredigt Jesu entsprechend zu "Erbauern der Gerechtigkeit Gottes in der Welt" gemacht hat. Sich auf die Seligpreisungen berufend, sagt er, dass sie um das Gottesreich zu schaffen, keine Wahl haben; sie müssen eine milde und schlichte Gesinnung bewahren und sich nicht bereichen wollen. In diesem Sinn verfolgt er ähnliche Ziele wie die Compagnons der Emmausgemeinschaften (Abbé Pierre), die, obwohl sie ausgestoßen, verkrüppelt, vom Unglück gezeichnet sind, noch Ärmeren helfen. Dies ist ein Beispiel des gelebten Evangeliums und eine Herausforderung an jene, die auf Prestige und Besitz versessen sind und ihr Herz ihren Nächsten verschließen. Darum sagt Pater Joseph entschieden: "Dass die Armen Gerechtigkeit zwischen einander schaffen, ist meines Erachtens die einzige Weise, um den Reichen endlich den gerechten Platz zuzuweisen. Wenn die Armen so zum <Licht der Welt> werden, haben sie nicht mehr das Gesetz der Wohlhabenden hinzunehmen. Die Rollen sind endlich vertauscht, denn die Reichen müssen sich an den Angelegenheiten der Armen beteiligen, bitten, sich daran beteiligen zu dürfen, lernen, es zu tun".

Was sollen wir daraus lernen?

Wir, die praktisch über alles zur Genüge verfügen, sollen, wie Pater Joseph von uns gebieterisch verlangt, auf die Darbenden achten und hören, damit wir ihre Situation verstehen und dann zusammen mit ihnen, und nicht von oben herab, Veränderungen herbeiführen. Das Beispiel und die Worte dieses großen Propheten können uns behilflich sein, Frieden und Gerechtigkeit unter allen Menschen anzustreben, ob sie privilegiert sind oder nicht, ob sie hier oder anderswo leben, denn alle sind als Kinder Gottes zu achten und zu lieben.

Marcel Farine

* Centre International Jospeh Wresinski - ATD Quart-Monde