Edmond Kaiser, ein unbequemer Asket

Unablässig erschien der Mann, um den es jetzt geht, im Fernsehen, oder man hörte ihn im Radio, denn die Tore der Medien standen ihm schon seit langem offen. Er sagte, er sei ein Agnostiker, und erlaubte sich, den Papst vor Weihnachten anzugreifen. Und doch widmete er sich seinem Nächsten und verwirklichte das Evangelium, aus dem er im übrigen häufig zitierte, besser als viele Christen. Und er selbst pflegte zu erzählen, wie er Abbé Pierre, einer der berühmtesten Persönlichkeiten unserer Epoche, einmal verraten habe, ein Ungläubiger zu sein, worauf dieser ihm zur Antwort gab: "Nun denn, mein Freund, gehe in Frieden. Möge Gott Dir helfen!" Er wurde nicht müde, die Regierenden zu kritisieren, und behauptet, kein politischer Mensch zu sein; aber er redete wie ein Tribun und rückte ständig unserem Gewissen zu Leibe, um es für das Leiden der anderen zu aktivieren. Er wollte, daß der Arme gut genährt, gut gekleidet und gut untergebracht ist, doch er selbst lebte wie ein Asket.

Dieser Mann, der sich für das drogenabhängige, eingesperrte, hungernde, invalide oder geschlagene Kind, für die an den Rand gedrängte und unterdrückte Frau, für den an Leib und Seele verletzten Mann einsetzte, war Edmond Kaiser, der am 4. März 2000 gestorben ist. Er ist am 2. Januar 1914 als Sohn einer jüdischen Familie in Paris geboren. Sein Vater stirbt als er erst vierjährig ist. Mit 17 Jahren geht er zu seinem zweiten Vater nach Lausanne, der ihm hilft, im Geschäftsleben Fuß zu fassen. Da ihm der Beruf des Verkäufers nicht gefällt, kehrt er nach der französischen Metropole zurück, wo ihn tragische Ereignisse verfolgen. Zunächst wird er zur französischen Armee eingezogen und in schwere Kämpfe gegen die Deutschen verwickelt; er erlebt den Tod ganz aus der Nähe. In der Schlacht von Dreux gelingt es ihm, einem verwundeten Kameraden das Leben zu retten, was ihm das Kriegsverdienstkreuz einbringt. Etwa um die gleiche Zeit fällt sein zweijähriger Sohn Jean-Daniel beim Spielen in einen Bottich und ertrinkt. Über diesen Kummer kommt Edmond Kaiser nur schwer hinweg.

Nach dem Krieg kehrt er nach Lausanne zurück und arbeitet dort als Büroangestellter bei einem Dekorateur. Dann nimmt sein Leben eine bedeutsame Wende. Er ist von der Persönlichkeit Abbé Pierres fasziniert und gründet 1957, mit einigen Personen, ein Aufnahmezentrum sowie verschiedene Sozialteams im Dienste der Notleidenden. Er widmet sich dieser ungeheuren Aufgabe fortan mit Leib und Seele, fast Tag und Nacht, und er wird auch Sekretär der Lausanner Stiftung der Emmaus-Freunde. Er ist überall. Zusammen mit freiwilligen Helfern und Helferinnen besucht er Unglückliche und bittet, in seiner zweimal monatlich erscheinenden Zeitschrift La Trompette, um Hilfe jeder Art (Geld, Unterkünfte, Arbeitsplätze, Möbel, Kleidung...). Leider bekommt die Gruppe Schwierigkeiten menschlicher und finanzieller Art, und 1959 verläßt Edmond Kaiser das sinkende Schiff.

Einige Freunde bleiben ihm treu, und wenige Wochen später gründet er zusammen mit ihnen die Organisation Terre des hommes, die schnell berühmt sein wird und deren erste Aktion den algerischen Kindern als unschuldigen Opfern des Bürgerkriegs gewidmet ist. Die dazu lancierte Kollekte erweist sich als sehr erfolgreich, und Terre des Hommes kann schon im Februar 1961 zwanzig verletzte oder unerwünschte Kinder in die Schweiz kommen lassen, wo sie in Familien untergebracht werden. Es folgen zahlreiche Aufrufe zugunsten von Kindern aus aller Welt, angefangen mit solchen aus Sizilien und Tunesien, dann aus dem Nahen Osten, aus Afrika und Asien... Es werden derer Tausende, darunter jene, die in unserem Land operiert oder adoptiert werden, weil das bei ihnen nicht möglich ist, zudem kleine, mit Napalm verbrannte Vietnamesen, Kinder aus Biafra. Da ist auch Amadou, den seine Kameraden im senegalesischen Dorf so zugerichtet haben, daß man ihm beide Hände amputieren muß; Edmond und seine Frau adoptieren ihn, und er wird sogar Physiotherapeut.

Die Organisation gründet Niederlassungen in anderen Ländern, zunächst in Frankreich, dann in Deutschland, Luxemburg, Holland, Dänemark und Kanada. Edmond stellt Freiwillige, ständige Mitarbeiter und Ärzte ein. Er und die Regierungsämter verschiedener Länder geraten sich in die Haare, weil sie seine Equipen bei ihrer Arbeit behindern; er verlangt Flugzeuge, um "seine" Kinder zu transportieren, sammelt Gelder, Medikamente, Kleider und Nahrungsmittel. Man sieht ihn überall, denn er kümmert sich um alles selbst, sogar auf die Gefahr hin, getötet zu werden. Er geht in die Krankenhäuser, schafft Aufnahmezentren und Kindergärten und verteidigt seine Schützlinge unablässig mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, und er bezahlt sogar seine Reisen aus der eigenen Tasche.

Mit seinem Ungestüm, seinen gelegentlich heftigen Attacken gegen den Schlendrian der Funktionäre gewisser Organisationen, mit seiner nie undurchsichtigen Sprache eines herausfordernden Propheten, seiner unmittelbaren Offenheit, seinen Forderungen nach Barmherzigkeit, auch mit seinen Ansichten, hat Edmond Kaiser die Mengen zu überzeugen vermocht. Aber er handelt sich auch Schwierigkeiten ein, sogar scharfe Vorwürfe innerhalb der von ihm geschaffenen Institution. 1980 glaubt er, der Augenblick sei gekommen, zu gehen, und läßt Terre des hommes in den Händen Jüngerer. Er könnte sich von all dem Elend, mit dem er in Berührung gekommen ist, zurückziehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Er beschließt, eine andere Bewegung zu schaffen, kleiner zwar, doch wirkungsvoll: dies ist die Geburt von Sentinelles* ("Schildwachen"), deren Name ein ganzes Programm umfaßt.

Er konzentriert sich nun auf Probleme, die ihm besonders am Herzen liegen: Frauen und Mädchen, die unter Berufung auf Tabus oder unmenschliche Gebräuche verstümmelt oder gar getötet werden, Knaben und Mädchen, die man zur Prostitution oder zu gesundheitsschädigender Arbeit zwingt, Jugendliche beiderlei Geschlechts, die man in Gefängnissen oder Bergwerken einsperrt, halbverhungerte alte Menschen, die von ihren Angehörigen im Stich gelassen werden... Mit seinen Freunden nimmt er sie auf, manchmal auch in Zusammenarbeit mit Terre des hommes. Er verteidigt sie mit allen Mitteln und rettet sie aus ihrem Elend. Wie bei Emmaus, macht er die Bürger und Notabeln auf diese Probleme aufmerksam und sucht die Unterdrückten überall dort auf, wo sie leiden: in Burkina Faso, in Mali und im Senegal, wo er sich mit den Staatschefs in Verbindung setzt, um sie zu bewegen, die Verstümmelung zu verbieten; in Marokko, Kolumbien oder Indien, um die Kinder von der Zwangsarbeit zu befreien, um Frauen, deren Mitgift als ungenügend erachtet wird, vor dem Verbrennungstod zu retten, um ledige Mädchen vor Prostitution, Selbstmord oder Abtreibung zu schützen.
1990 erhält er den Adele Duttweiler-Preis für die gewaltige Arbeit, die er geleistet hat. Aber diese kann einfach kein Ende nehmen bis zu seinem Tod, denn einerseits wird er ständig mit den Übeln dieser Welt konfrontiert, die ihn nicht in Ruhe lassen, andererseits bleibt er seiner Mission als Prophet und Dichter treu (manche seiner Bücher sind von der Académie francaise mit einem Preis ausgezeichnet worden). Das alles, um diese Verbrechen aufzuzeigen und ihre Urheber zu geißeln, aber auch, um die Menschen zu mehr Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu bewegen.

Ich habe Edmond nach dem das Lausanner Aufnahmezentrum errichtet worden war kennen gelernt. Am 26. September 1957 nimmt er in Bern am Studientag für die Verantwortlichen der Schweizer Gemeinschaften und Emmaus-Freunde teil, der unter meiner Präsidentschaft und in Anwesenheit von Abbe Pierre stattfindet, um über die Gründung von Emmaus auf Landesebene zu beraten. Anläßlich der Gründungsversammlung der Schweizerischen Vereinigung der Gruppen von Emmaus am 15. Juni 1958 in Genf wird er Mitglied des Zentralkomitees dieser neuen Organisation. Unter den Abgeordneten dieser von mir geleiteten Versammlung sind ein Priester, ein Rechtsanwalt, eine Hausfrau, ein Bankier, eine Lehrerin, ein internationaler Beamter und noch ein anderer Schweizer, der seinerseits als geliebter oder angefochtener Prophet Berühmtheit erlangen soll: der künftige Nationalrat Jean Ziegler, der von Emmaus begeistert ist und sich jahrelang, zuerst in Bern, dann in Genf für diese Bewegung einsetzt. Die Welt ist ein buntgewürfeltes Vielerlei...

Ich sehe ihn noch vor mir, als er in den verschiedenen Sitzungen teilnahm: sein ausgemergeltes Gesicht, den durchdringenden Blick über die Brille hinweg; mitunter ein Finger auf uns gerichtet, als wollte er uns überzeugen oder zum Handeln drängen. Und ich höre seine tiefe, gelegentlich schroffe, dann wieder sanfte Stimme, je nachdem, worum es gerade geht, jedoch immer auf der Suche nach Gerechtigkeit und die Armen bedingungslos verteidigend. Er hat mich oft durch seine Nächstenliebe, seine schneidenden Worte gegen Egoisten und Profitgierige, durch seine blumige, von Sanftheit geprägte Sprache für die Leidenden, seine Dynamik und sein unermüdliches Engagement beeindruckt. Andererseits hat er mich manchmal durch sein angeborenes Selbstvertrauen, auch durch seinen Wunsch, vollkommen unabhängig zu handeln, irritiert. Schließlich habe ich gelernt, ihn zu schätzen und als Freund bis zu seinem Tod zu betrachten, obwohl ich ihn nicht genug kannte. Sicher ist, daß er ein großer Mann unserer Zeit gewesen ist, der es verstanden hat, die Menschen für die Sache der Ärmsten mitzureißen, viele Leute um ihn herum zu bewegen, sich für die einzusetzen, die "am schwersten leiden", mitunter sogar ihr Schicksal zu teilen.

Ich habe seine persönliche Beschreibung der Freunde von Emmaus wieder gefunden, die so schön ist, daß Sie mir sicher erlauben, sie hier zu zitieren:
Und es sind die Emmaus-Freunde, die sich jederzeit und überall auf der Welt gegen alles Elend einsetzen. Auch bei uns, wenn es solches noch gibt. Als Diener der Leidenden, unserer Meister, in Kenntnis dessen, was sie sind: unbekannte Seele und menschliches Fleisch, lebendiges Leben, beflügelte Hoffnung. Manchmal gescheiterte Brüder und wie wir nicht unfehlbar, ohne daß wir indessen daran zweifeln, aus ihnen aufrecht stehende Menschen zu machen.

Und dann dieser fantastischer Brief, den er mir im Jahr 1993 sandte, nachdem mein Buch über Emmaus erschienen war:
Unterwegs zu den "Begegnungen der Hoffnung" habe ich die Freude, uns auf dem gleichen Weg anzutreffen; schlicht und einfach tun, was wir zu tun haben, ohne zu suchen oder zu wollen, und ohne daraus zu entfliehen:
- Zuerst dem dienen, der am meisten leidet.
So sind wir in Wirklichkeit, zusammen und getrennt, in den gleichen Dunkelkammern und gleichen Lichtungen gewandert, tief besorgt, die verletzten, aber nicht toten Vögel aufzulesen, um ihnen, sei es nur ein klein wenig, treu zu sein.
Ich kehre zu deinem Buch zurück, um dich darin wieder zu finden.


Solche Aussagen können mich nur anregen, so viel und so lang ich kann, meinen Kampf gegen Not, Krankheit, Gleichgültigkeit und Egoismus fortzusetzen.

Marcel Farine
* Internet :www.sentinelles.org
Foto Edmond Kaiser © Yvan Muriset